Kirche in Zeiten von Corona

Ein persönlicher Rückblick:  Wir Christen haben doch alles im Griff – ODER?

Von heute auf morgen ist unser Leben völlig verändert. Wir Menschen, die glücklicherweise in einem freien Land leben dürfen, müssen plötzlich eine Einschränkung nach der anderen hinnehmen. Die ehemalige Sorglosigkeit weicht einer Beklemmung. Niemand konnte sich wohl vorstellen, dass wochenlang keine Gottesdienste mit der Gemeinde stattfinden dürfen. Na, gut, denke ich. Mach´ das Beste draus! Es gibt doch Fernsehgottesdienste, Computerübertragungen und von den Pfarrern aus unserem Kooperationsraum bekomme ich als Seniorin sogar die Gottesdiensttexte schriftlich. Wie bequem  –  ich sitze gemütlich im Sessel  –  eigentlich ganz praktisch. Klappt doch!

Nach geraumer Zeit machen sich Pfarrer und Kirchenvorstand Gedanken, wie eine langsame Öffnung stattfinden könnte, ein Hygieneteam wird gebildet. Ohne mich, einen Gottesdienst mit solchen Sicherheitsvorschriften sollte man doch lieber sein lassen  –  denke ich – und bleibe gemütlich zu Hause im Sessel sitzen.  Da bin ich nicht gefährdet, denn mein Alter von 73 Jahren ist schließlich Risikofaktor.

Der erste Gottesdienst findet in der Friedenskirche statt, nur mit dem Kirchenvorstand, um die Hygieneregeln zu testen. Obwohl Mitglied, gehe ich gar nicht erst hin, schließlich bin ich kein Versuchskaninchen! Offenbar klappte alles und der erste Gottesdienst mit Gemeinde findet in der Friedenskirche statt.

Muss gestehen, ich habe überhaupt keine Lust. Bin unmutig. Es war im Sessel doch so bequem! Und nun: Maske um! Auf dem Gelände erwarten mich drei freundliche Gemeindeglieder, ebenfalls maskiert und führen mich zum Nebeneingang.

Ein nettes junges Mädchen gibt mir einen Spritzer Desinfektion in die Hand, die Personalien werden notiert und weitere Mitarbeiter begleiten mich die Treppe hoch und ein Sitzplatz wird mir zugewiesen.

In diesem Moment wird mir schlagartig klar, wie sehr ich sie alle vermisst habe in diesen vielen Wochen. Und welche Freundlichkeit ich rundherum erlebe. Ja, wir sitzen auf Abstand, doch dieser ist nur räumlich. Innerlich spüren wir die Nähe und winken uns zu.

Unser Pfarrerehepaar erklärt nochmal die Regeln und wir wissen, auch sie sind froh, wieder Gottesdienste mit der Gemeinde feiern zu können. Singen ist leider verboten, aber die Liedtexte werden zur Orgelbegleitung gelesen, sehr schön. Nach diesem Gottesdienst fahre ich erfüllt nach Hause. Ich weiß nun, meine Gemeinde ist mir sehr wichtig und wir dürfen uns in diesen Zeiten nicht aus den Augen verlieren. Die Nöte in der Welt werden durch Covid 19 noch größer und gemeinsam beten wir für alle, die im Moment in Angst und Schrecken leben.

Ein Wort an die Skeptiker, die meine ursprünglichen Bedenken teilen: Kommt einfach wieder und probiert es aus! Trotz eingeschränkter Sitzplätze musste noch niemand abgewiesen werden.

Mein herzlicher Dank gilt allen, die uns diese Gottesdienste trotz erschwerter Bedingungen wieder ermöglichen und für unsere Sicherheit Sorge tragen: Den Pfarrern, Lektoren, Organisten, dem freundlichen Hygieneteam und euch allen, die ihr hoffentlich bald wieder teilnehmen wollt.

Inge Hartung, Kirchenälteste